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Die Schlacht ist verloren…

Nachdem uns schon mehrere Leute besorgt kontaktiert haben, will ich mal diesen Kanal nutzen, um ein Lebenszeichen abzusenden.
Das wichtigste zuerst:
Die Beste und ich haben noch trockene Füße.
Auch die Fahrzeuge sind (momentan) noch sicher.

Allerdings befürchten wir, dass wir bald ohne Strom da sitzen, da das Umspannwerk Rothensee im Norden Magdeburgs stark bedroht ist und vielleicht Not-abgeschaltet werden muss. Das wäre verheerend, da auch die städtischen Abwasserpumpen zum Teil über dieses Umspannwerk versorgt werden und ohne diese Pumpen das Grundwasser nicht mehr im Zaum gehalten werden kann. Es würde dann aus den Gullis auch in nicht überfluteten Stadtteilen an die Oberfläche sprudeln.

Auch unser Einsatz am Deich in Breitenhagen war leider nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt.
Zwar konnte unser Deichabschnitt gehalten werden, aber dafür brach er heute Morgen ein paar tausend Meter weiter an der Saale, so dass die verbliebenen Menschen im Raum Groß Rosenburg, Breitenhagen, Lödderitz und Sachsendorf (Schaut euch mal an, wie riesig das Gebiet und wie weit die Saale und Elbe davon normalerweise entfernt sind!) aufgefordert wurden, sofort in höhere Gebiete zu flüchten:
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Schon unsere Anreise ließ erahnen, dass es schlimm um die Gegend stand:

Wir wurden morgens mit einem Sammelbus bis in den Ort Breitenhagen gebracht. Beim Blick aus dem erhöhten Bus-Fenster konnte man schon sehen, dass das Wasser nahe unter der Böschung und damit quasi auf Augenhöhe stand:

Zum Deich selbst wurden wir dann mit einem Mercedes-Benz Axor 4×4 gebracht, da dort nur noch schweres Gerät sicher unterwegs war:

War sehr gemütlich:

Unsere Einsatzstelle war hier.
Auf der verlinkten Aufnahme seht ihr die befestigte Auffahrt auf den Deich und östlich davon das Waldstück, welches zusammen mit der Fläche im Norden metertief unter Wasser stand.
Hier der Blick nach Norden von der Deichkrone aus:

Hier nach Süden:

Hier der Knick etwas südlich der Auffahrt:

Wie man sieht ist hinter dem Deich nur noch flaches Land bis zum Horizont (an dem man die Häuser von Breitenhagen erahnen kann).
Die Sandsäcke wurden erst per Menschenkette weiter gereicht:

und am Ende der Kette per Schubkarre zu den Verbauungsstellen gefahren:

Im Laufe des Tages konnte ich glücklicherweise Karriere machen und vom „Sackreicher“ zum Schubkarrenfahrer aufsteigen.
Da gab’s wenigstens mal ne Verschnaufpause.
Apropos:
Der Leiter des örtlichen Krisenstabs meinte zu uns Helfern:
„Wer von euch heute Abend hungrig nach hause geht, hat was falsch gemacht!“
Und so war es auch. Es gab reichlich zu trinken und immer wieder belegte Brote, eine Gulaschkanone und ähnliches. Die Versorgung war 1A!
Danke dafür!
Auch die anderen Helfer möchte ich nicht unerwähnt lassen. Gegen Nachmittag kam sogar noch ein Junggesellinenabschied, welche statt Bollerwagentour lieber mit anpacken wollten.
Allerdings zeigte sich auch mehrfach das Problem mit den Freiwilligen: Es darf sich halt jeder melden….
Auch wenn man zu unqualifizierten Querelen neigt. Es gab Leute, die ich schon nach 20 Minuten verbannt hätte.
Für die Themen-Kritiker hier im Blog gab’s sogar noch ein wenig Altmetall:

Ein Robur LO 2002 A. Nicht nur der LKW an sich war prähistorisch, sondern auch seine Reifen:

Die dürften aber mittlerweile genug ausgehärtet sein, als dass da kein Vergang mehr dran ist. Die halten auch noch die nächsten 25 Jahre.
Während wir die Sandsäcke vor uns hin stapelten, überflogen uns regelmäßig Bundeswehrhubschrauber, welche ein paar Kilometer weiter ihre Bigpacks abwarfen:

„Radlader-Barbie“ (so von den Helfern aufgrund seines pinken Radladers getauft)  erzählte uns später, dass wir an diesem Tag 120 Tonnen Sand bewegt hätten.
Und das war noch lange nicht alles:

Entsprechend fertig waren wir auch, als man uns abends zurück brachte.
Mittlerweile helfen die Magnesiumtabletten aber, so dass wir morgen wieder helfen wollen.
Auf dem Rückweg konnte ich noch dieses Video aufnehmen:

Im Hintergrund vor den Bäumen erhebt sich der Deich, rechts des Weges seht ihr, wie Wasser, welches unter dem Deich durch gedrückt wird hervor sprudelt und sich auf das Feld ergießt.
Es schien so, als würde das Wasser kochen, so stark quoll es hervor.

Ich muss ehrlich sagen, dass die Situation beklemmend ist.
Hier in der Stadt heulen im Viertelstundentakt Fahrzeugkolonnen mit Sirenen an einem vorbei. Bundeswehrkonvois mit Rad- und Bergepanzern rollen durch die Straßen und Stadtteil um Stadtteil wird evakuiert.
Vor 14-Tagen war das noch für mich unvorstellbar.
Die Ohnmacht ist überwältigend.
Es hat den laienhaften Geschmack von Krieg.