Archiv der Kategorie: Reliant Rialto

Hier geht es um meinen 1984er Reliant Rialto 2 GLS Estate. Mein erstes richtiges Auto.

Ende nach 40 Jahren

Am vergangenen Wochenende habe ich mit einem Großteil der deutschen Reliant-Dreiradszene (4 Personen) Andreas besucht.
Andreas hatte mich kontaktiert, weil er nach 40 Jahren Reliant-Leidenschaft leider aus gesundheitlichen Gründen seine (unvollendete) Sammlung auflösen muss.
Ein bitterer Schritt, der ihm sichtlich schwer fällt.
Damit seine umfangreiche Sammlung nicht in alle anonymen Winde verstreut wird, habe ich ein paar Leute zusammen getrommelt und wir haben geschaut, ob wir das Ganze nicht als Paket übernehmen können.
Das Sahnehäubchen bildete dieser tolle Bond Bug:

Das er super original erhalten ist, liegt auch an seiner ungewöhnlichen Historie. Es ist laut Fahrgestellnummer der erste produzierte 750 ccm-Bond Bug. Dementsprechend war die Erstzulassung auch auf das Werk in Tamworth. Danach kam er direkt nach Deutschland (!) und wurde auf die Ehefrau eines britischen Soldaten zugelassen. In den 80ern kaufte ihn ein Nachbar und verkaufte ihn anschließend an Andreas. Fertig. Nicht 16 Pfuscher wie bei meinem…
Natürlich habe ich reichlich Fotos von dem Bug gemacht, für die Restaurierung meines Exemplars.
Neben dem Bug fand sich noch ein schöner Robin Estate:

Die Kombis sind ja eine rare Spezies und daher auch hier ein besonders schönes Exemplar.
In einer Scheune fanden sich dann noch zwei Reliant Kitten:

Der Rote ist schon komplett neu lackiert, der Rahmen gesandstrahlt und überholt. Der Grüne ist entweder Teilespender oder ebenfalls zur Restaurierung.
Neben den Fahrzeugen gab es noch Berge an Teilen (siehe Bild oben) zu bestaunen. Zum Beispiel reihenweise Motoren:

Oder kistenweise Einzelteile:

Aber auch hier fanden sich wieder extrem seltene Stücke. Zum Beispiel diese original Reliant-Leuchtreklame:

oder eine original verschlossene Dose mit Reliant-Lack in „Tangerine Orange“. Noch flüssig!

Andreas war in seinen 40 Jahren wirklich sehr fleißig. Wie wir erkennen mussten ZU fleißig. Es war einfach zu viel, als dass wir das irgendwie sinnvoll hätten bewältigen können. Bevor ich selber den anderen Teilefundus aufgekauft habe, vielleicht. Aber so und ohne fertiges Genesungswerk? Keine Chance.
Es blieb daher wenig anderes übrig, als kleinere Pakete zu schnüren.
Der Bond Bug samt spezieller Teile ist (innerhalb unseres Kreises) verkauft.
Der Robin ebenfalls.

Somit bleiben noch die beiden Kitten und schätzungsweise 1,5t Teile.
Sollte jemand von euch Interesse haben, vermittle ich den Kontakt gerne!

Benzinmessstab

Irgendwie kam der Wintereinbruch so überraschend, dass ich es nicht mehr geschafft habe, mit dem Rialto zum tanken zu fahren. Ich mache vor dem Winter immer den Tank bis zum Rand voll, damit sich möglichst wenig Kondenswasser an den Seiten des Blechtanks niederschlagen kann.

Also tanken aus dem Kanister. Aber wann ist der Tank voll? Auf die sehr träge Tankuhr ist da kein Verlass. Die zeigt noch 3/4 wenn einem der Sprit schon in den Socken steht. Abhilfe brachte der Ölmessstab aus dem Combo:

Beim Corsa C/Combo ist er aus einem stabilen aber doch flexiblen Drahtgeflecht und hat auch eine metallenen Anzeiger am Ende. Von der Länge her geht er ziemlich genau bis zum Anschluss zwischen Tank und Tankrohr. Hat super funktioniert.

Top Tipp, wenn ihr das nächste Mal über den Schrottplatz schlendert.

Navi aus der Asche

Die Jungs von Männertours waren so freundlich mir einen alten Aschenbecher für meinen Rialto aus ihrem Teilefundus zu schicken:

Einen solchen wollte ich schon länger für eine kleine Zwischenbastelei haben.
Problematisch bei Ausflügen mit dem Rialto in unbekannte Gefielde ist immer die Navigation. Zwar habe ich ja schon vor 10 Jahren zwei versteckte Steckdosen nachgerüstet, aber es fehlt einfach an Ablagen für ein Telefon als Navi.
Entfernt man aber vorsichtig die Zigarettenablage aus dem Aschenbecher:

So passt ein modernes Smartphone locker stehend in den Aschenbecher:

Problem solved.
Jetzt muss ich nur noch 1000 Jahre Nikotin aus dem Aschenbecher entfernen. Ürgs

Ready for Alltagseinsatz

Da unser Fahrzeugbestand ja überraschend drastisch reduziert wurde und Zulassungen Dank Corona ewig dauern, musste sich der Rialto nahtlos in den Alltagsbetrieb einfügen.
Dementsprechend habe ich ihm auch schnell einen großen Service angedeihen lassen:

Die Kardawelle hinten bekamm frisches Schmatzi-Watzi mit der Fettpressen:

Die beiden Schmiernippel an der Front sind immer eine besondere Herausforderung. Insbesondere wenn man als Bodenturner schraubt:

Auch die Kupplung habe ich nachgestellt:

Da war einiges an Spiel. Allerdings habe ich etwas mehr Luft als die im Handbuch vorgeschriebenen 1,5mm gelassen. Eher Richtung 3-4mm.
Den Überlauf des Vergasers im linken Kotflügel habe ich bei der Gelegenheit auch mal inspiziert und feucht durch gewischt:

Als Motoröl teste ich mal mild legiertes Rowe SAE50:

Der Rialto muss ja nicht mehr (so wie noch zu Osnabrücker Zeiten) bei winterlichen Temperaturen ran. Da tut es auch ein solches „Sommeröl“.
Dazu dann noch Kühl- und Bremsflüssigkeit sowie Batteriesäure prüfen, eine Sichtprüfung aller Verschraubungen, alle Schlösser und Scharniere ölen, den Öldeckel samt Schlauch reinigen und fertig ist die Laube. Bremsen, Reifen und Ventile hatte ich ja erst vor kurzer Laufleistung gemacht.
Eigentlich müsste auch mal das Getriebeöl gewechselt sowie das Öl im Hinterachdifferenzial und das Fett in der Lenkung geprüft werden. Allerdings bin ich zu alt dafür, dass in Bauchlage zu erledigen. Die 1-2 Jahre, bis die Halle steht, kann er noch warten.

Kleiner Service, großer Aufwand

Das Handbuch des Rialtos wünscht sich, dass der gewissentliche Eigentümer alle 10.000 Meilen das Dämpfungsöl des SU HS-2 Vergasers nachfüllt.
Aber gerne doch. Da passt es gut, das wir die 10.000 Meilen gerade überschritten haben.
Also erstmal Grundlagen klären:
Das Handbuch wünscht sich schlicht „engine oil“. Mein geliebtes Haynes ist da schon konkreter und begehrt SAE 20W/50.

Von Vadderns Nachbarn hab ich einen original SU-Spare-Parts-Catalogue bekommen, welcher nach SAE 20 verlangt.

Und da ich vorher in beides nicht rein geguckt habe, sondern dieses Internet befragte, habe ich schnödes ATF verwendet:

Soviel sei schon mal gespoilert: Es macht keinen Unterschied. Hauptsache der Kolben wird durch irgendwas gedämpft. Zur Not Sonnenblumenöl.

Nun also zur praktischen Umsetzung. Bei Vadderns 1800S erledigt man das im vorbei laufen. Haube auf, liegen die Vergaser vor einem, Käppchen samt Dämpfer runter schrauben, Öl einfüllen bis der Messschieber sagt:“Passt“ (13mm über der Dämpferbohrung). Ist ne Sache von 3 Minuten.

Beim Rialto ist es etwas kompliziert. Seht ihr die schwarze Kappe auf der Glocke des Vergasers? Gaaaanz tief hinten rechts. Nein?

Moment, ich schraube schnell den Luftfilter samt Gehäuse weg:

Da ist sie.
Ach, ihr bekommt den Dämpfer nicht entfernt, weil die Karosserie zu dicht darüber ist? Kein Problem, ich schraube schnell den Vergaser samt Leitungen vom Vorheizelement los, um ihn nach vorne kippen zu können.

Ach geht nicht, weil auf den Stehbolzen nicht genügend Platz für einen normalen 1/2-Zoll Maulschlüssel ist? Kein Problem, ich feile gerade einen schlanken Blech-Schlüssel passend.

Ach Mist, der lässt sich nicht drehen, weil zu wenig Platz ist? Kein Problem, ich säge ihn auch noch ab.

So, jetzt haben wir ein passendes Werkzeug (siehe oben im Bild) und können den Vergaser ein Stück nach vorne ziehen, so dass der Dämpfer entfernt werden kann:

Hier sieht man auch die Bohrung des Dämpfers innerhalb der Glocke. Da soll das Öl 13mm drüber stehen. Bei waagerechtem Vergaser versteht sich. Keine Chance dass beim Rialto sauber hin zu bekommen.

Gut, dass es englische Technik ist. Da kann man auch getrost gröber ran gehen. Einfach auffüllen, bis das Öl Pi-mal-Auge unten am Gewinde steht, dann den Dämpfer einschrauben, einen Lappen auf das Entlüftungsloch oben in der schwarzen Kappe halten und mit der Hand ein paar mal kräftig den Kolben des Vergasers durch die offene Ansaugseite hoch drücken. Alles überschüssige Öl wird so nach oben durch die Entlüftung raus gedrückt. Bei ATF eine echt stinkige Angelegenheit, aber nachher passt der Pegel.

Danach alles wieder zurück bauen und fertig ist die Laube für die nächsten 10.000 Meilen. Den mund-geklöppelten Spezialschlüssel packt man am besten zum Bordwerkzeug.

Bei dieser Gelegenheit:
Hatte ich eigentlich schon mal gesagt, wie liebevoll ich die Beschriftung des Luftfilter-Gehäuses finde?

Ich finde, da ist Unternehmerstolz spürbar.