Es ist Sommer, da komme ich traditionell leider kaum zum schreiben. Es passieren aber trotzdem Dinge.
Zum Beispiel fand auf der Burg Ziesar das 35. internationale Dreiradtreffen statt:

Ich predige es ja immer wieder: Das Treffen ist an Putzigkeit kaum zu überbieten! Eine echte Empfehlung, sollte es mal in eurer Nähe stattfinden!
Leider war die Wettervorhersage so eindeutig, dass ich an beiden Tagen mit dem Rialto anreiste. Am Freitag füllte sich der Burghof so langsam:

Selbst die Dame mit dem dreirädrigen Kinderwagen wurde direkt eingewiesen:

Ich selbst fand einen Platz neben meinem Wochenendhighlight:

Für die Rätselnden unter euch: Das neben dem Rialto ist ein Invacar:

Das ist das angelsächsische Pendant zum Krause Duo, Duo 4/1, Duo 4/2 oder zum SMZ S-1L aus der Sowjetunion.
Schon in England haben nach der staatlichen Verschrottungsaktion Anfang der 2000er (die Invacars gehörten immer dem Gesundheitsministerium) kaum noch Exemplare überlebt. Ursprünglich produziert wurden mehrere zehntausend.
Überlebt hat nur eine Handvoll Exemplare. Bei Hubnut findet sich ein in der Szene recht bekanntes Invacar.
Passend zu seinen drei Rädern hat das Invacar nur eine (Schiebe-)Tür auf der linken Seite:

Der einzelne Sitz ist auf seitlichen Schienen angebracht, so dass man ihn für einen besseren Ein- und Ausstieg nah zur Tür bewegen kann:

Angetrieben wird dieses Exemplar von einem Villers 197 ccm-Motor, welcher lediglich auf das linke Hinterrad wirkt:

Lola lässt grüßen.
Nachdem übrigens in den frühen 70ern die Produktion der Villers-Motoren eingestellt wurde, wurden die Invacars mit einem 500 bzw. 600 ccm-Motor von Styr-Puch ausgestattet. Mit diesem Leistungsschub schafften die Invacars ca. 130 km/h (82 mph)!
Zusammen mit gänzlich fehlender Crash-Sicherheit, miesem Handling und einer hohen Unfallrate, führte die Einführung eines Subventionsprogrammes zum Umbau regulärer PKW zum aussterben der Invacars.
Ganz viel Liebe für den sehr netten Eigentümer dieser Pretiose!
Auch sonst gab es einiges zu bestaunen.
Hier die Notwendigkeit für einen Pickup:

Oder die Verstärkung aus der alten Heimat:

Der blaue Messerschmidt mit dem DT-Kennzeichen war natürlich auch wieder mit dabei.
Aber auch im Fahrerlager fand sich ein Goldstück:

Mit diesem, für die niederländische Polizei-Reiterstaffel ursprünglich gebauten, Harburger Transporter war der Eigner einer 50er-Ape angereist. Neben der Ape passte noch ein Feldbett und eine kleine Küchenkombination mit in den Transporter. Herzallerliebst!
Tag Eins endete mit einem gewaltigen Regenschauer, der mich auf der Rückfahrt überraschte.
Tag Zwei war hingegen ein einziger Regenschauer. Das kann die wackeren Recken allerdings nicht schrecken:

Vorausgegangen war die Fahrerbesprechung seitens der Organisatoren. Es gab folgende Ansage:
„Wir starten mit einer kleinen Rundfahrt durch die Altstadt von Ziesar. Hierfür haben wir die Auflage der Polizei, dass wir in Gruppen mit nicht mehr als 10 Fahrzeugen fahren dürfen, um den Verkehr nicht unnötig zu behindern. Wir machen es daher so, dass sich gleich 9 Fahrzeuge hier hinter dem roten Mercedes als Führungsfahrzeug sammeln. Der Klaus/Horst/Günther im Mercedes fährt dann voraus und führt die 9 Fahrzeuge durch die Altstadt. Außerhalb der Stadtgrenze sammeln wir uns dann, er kommt zurück und holt die nächsten 9 Fahrzeuge bzw. die Elisabeth/Marianne/Ursula im gelben Käfer fährt dann mit dem nächsten Pulk los.“
Verständiges Nicken der Zuhörenden
Und daraufhin brach das Chaos aus…..
Natürlich stiegen alle in ihre Fahrzeuge und stellten sich in einer langen Schlange hinter dem Führungsfahrzeug an. Als selbiges losfuhr, fuhren auch einfach alle hinterher. Das klappte auch exakt bis zur ersten roten Ampel. Danach verlor ein Großteil der Gruppe den Anschluss in den kleinen Altstadtgässchen.
Ich hatte allderweil auf dem Burghof zusammen mit den Velorex- und Messerschmidt-Pilot/-innen wieder eine „schnelle Gruppe“ als Nachhut gebildet.
Als wir als Letzte losfuhren, hatten wir das lustige Erlebnis, dass während unserer Tour durch die Altstadt immer wieder aus irgendwelchen winzigen Gässchen verirrte historische Dreiräder auf uns zu kamen. Wir haben herzlich gelacht. Natürlich klappte es dementsprechend auch nicht, dass sich die Gruppe geschlossen hinter der Stadtgrenze wiedertraf. Glücklicherweise war die Pilotin eines Messerschmidts ortskundig und konnte uns auf die Spur der ursprünglichen Führungsgruppe bringen.
Leider war in diesem Durcheinander auch der Kradmelder verschütt gegangen, der eigentlich entlang der Strecke die Hinweisschilder zur Streckenführung anbringen sollte.
Er überholte uns dann im Tiefflug und ströhmenden Regen. Als wir ihn an der nächsten Abbiegung einholten, vereinbarten wir mit ihm, dass wir den Pulk hinter uns an geeigneter Stelle aufhalten, ihm etwas Vorsprung geben und uns dann weiter auf den Weg machen würden. Das klappte gut, so dass wir mit einer recht großen Teilgruppe an unserem Zwischenziel, dem Schulmuseum Reckahn ankamen:

Mal wieder einer dieser Orte, die ich sonst nie extra besuchen würde.
Es lohnte sich aber! Für uns war eine historische Schulstunde gebucht. Unterhaltsam, lehrreich und liebevoll gestaltet.
Auch hier merkte man wieder, dass das Thema mit Herzblut verfolgt wurde.
Während ich also unter den wachsamen Augen von Fräulein Schubert mein Sütterlin übte:

Wurde draußen schon das Mittagessen aufgebaut.
Eine wirklich gute Soljanka brachte uns über den fortlaufend heftigen Regen.

Hier noch eine wirklich schöne Lösung für mehr Verkehrssicherheit am Vorkriegstempo:

Die LED-Einheit ist mittels Magnet befestigt, batteriebetrieben und wird per Fernbedienung vom Fahrerhaus aus gesteuert. Wenn ich mich recht entsinne hat sie sogar ein Bremslicht integriert, das per Trägheitssensor funktioniert. Kudos an den Erfinder!
Anschließend sattelten wir wieder die Hühner und fuhren über kleine Sträßchen:

Zum „Mollihof Jakob“ nach Grüningen:

Dort gab es, wen überrascht es?, DDR-Geräteträger in allen Formen, Farben und Zuständen zu bewundern:

Auch Sondervarianten, wie diese, zum vereinfachten Fahrtrichtungswechsel:

Ansonsten kann man sich den Mollihof so vorstellen, dass nebenan ein DDR-Museum detoniert ist. Die Trümmer regneten dann auf den Hof nieder und wurden teilweise sogar verräumt. Oder als lebensgroßes Wimmelbild. Ist halt die private Sammlung eines DDR-Bürgers mit viel Platz und großer rosa Brille für die Vergangenheit.
Entsprechend geteilt war auch das Echo auf den Besuch. Insbesondere der der NVA gewidmete ex-Kälberstall samt ausstaffierter Puppen rief einige Irritationen hervor. Fairerweise war er aber auch vom Eigentümer als etwas „nur für echte Genossen“ angekündigt worden.
Zur Ehrenrettung der Veranstalter will ich aber auch betonen, dass man erstmal in so kleinem Aktionsradius überhaupt sehenswertes finden muss!
Nach der Besichtigung ging es wieder im Regen zurück auf die Burg:

Hatte ich schon erwähnt, dass mein Highlight das Invacar war?

Das sieht so lustig aus!
Im großen Burgsaal konnte man sich dann bei Heißgetränken und einem riesigen Kuchenbuffet wieder stärken.
Nach dem obligaten Klöhnschnack machte ich mich wieder auf den Heimweg.
Vielen, vielen Dank an den Motor-Club Ziesar e.V. für die Organisation! Es war eine würdige Veranstaltung!
Wir sehen uns nächstes Jahr in Haseloff!