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Stelle wo der Elefant das Wasser lässt II

Ok, das Warten hat ein Ende. Heute gibts also endlich die nackte und ungeschminkte Wahrheit über Sir Edwards ersten Besuch beim deutschen TÜV.
Die Kurzversion: Sir Edward demoliert, erhebliche Mängel festgestellt und trotzdem zufrieden.
Die Langversion:
Als erstes hatte ich bei der nächsten TÜV-Station in Detmold angerufen um einen Termin für die „Vollabnahme zur Erstzulassung gemäß § 21 StVZO“ ab zu machen. Dort teilte man mir mit, dass ich frühstens in zwei Wochen einen Termin bekommen könnte. Großartig! Allerdings sagte der Herr am Telefon, dass ich es beim TÜV in Paderborn mal versuchen sollte. Die hätten eventuell eher einen Termin für mich. Also dort angerufen. Die Dame meinte dann, dass sie keine Termine vergeben würden, sondern, dass bei ihnen das Müller-Prinzip vorherrscht. Sie meinte dann noch, dass der einzige Prüfingenieur bei ihnen, der eine solche Abnahme machen dürfe, jeden Tag um 12 Uhr eine Stunde Mittagspause macht und das um 16 Uhr Feierabend ist. Damit stand der Plan: Anreiste auf 12 Uhr um dann ne Stunde zu warten und der Erste in der Schlange zu sein.
Doch es sollte anders kommen…. oder um es mit meinen Freunden von Top Gear zu sagen: „ambitious but rubbish“
Morges orderte ich mal wieder beim lokalen Hängerhökerer einen Transportanhänger. Damit es nicht wieder so ein riesen Trumm wie bei der Englandfahrt wird, gab ich ihm die Maße laut Handbuch durch und er meinte, dass er einen passenden Mini-Bagger-Hänger stehen hätte. Kurz drauf holte ich den Anhänger bei ihm ab und zuhause angekommen schoben Vaddern und ich Sir Edward auf ihn drauf.
Aus reiner, grenzenloser und unverzeihlicher Dummheit habe ich dabei nicht aufgepasst und Sir Edward schrappte auf meiner Seite am scharfkantigen Ausleger des Hängers entlang. Uns war zum heulen:

Auf dem Bild sieht die Schramme nicht so fies aus, wie sie in Wirklichkeit ist. Die hat es echt in sich!
Nachdem wir uns emotional wieder etwas gefangen hatten, haben wir Sir Edward neu positioniert und einen neuen Anlauf gestartet. Jetzt ging der Wagen zwar beschädigungsfrei auf den Hänger, allerdings ließ sich die hydraulische Auffahrrampe nicht mehr schließen….. Ganz großes Tennis!
Also wieder abladen und zurück zum Hökerer, den Hänger tauschen.
Dort angekommen, offenbarte er uns, dass er eigentlich keinen passenden Hänger mehr da hätte. Alle vermietet.
Nach einigem Suchen fand er aber doch noch einen.
Leider war das aber ein Hänger, welcher die Ladefläche über den Radkästen hat. So wie der, den as damals organisiert hatte.
Durch den steilen Winkel war es wieder ein großer Krampf Sir Edward zu verladen, klappte aber schlussendlich doch noch. Unsere Nerven lagen nun blank und eigentlich hatten wir beide auch keine Lust mehr. Keinen Meter von zuhause weg und schon nur Scheiße…. so durfte der Tag einfach nicht weiter gehen!
Der Zeitplan war mittlerweile für den Eimer. Wir rauften uns aber trotzdem zusammen und machten uns auf den Weg nach Paderborn.
Das TÜV-Gelände empfing uns überraschenderweise mit gähnender Leere:

Nach einer problemlosen Anmeldung konnten wir Sir Edward abladen, was dank mitgenommenem Wagenheber und Balken auch ganz gut ging. Bei der Anmeldung meinte die Dame am Empfangsschalter: „Ein Dreirad wollen Sie zulassen?! Wenn ich das dem Prüfer auf den Zettel schreibe, sagt der mir, dass ich das Kind weg schicken soll…“ Er ließ sich aber doch noch überzeugen das Kinderspielzeug mal anzugucken (Der Kühlergrill war noch demontiert, falls wir die Scheinwerfer nochmal nachstellen müssten):

Und mit der Einfahrt Sir Edwards brach auch der gesamte Betrieb der TÜV-Station zusammen. Alle Ingenieure kamen herbei und jeder wollte mal einen Blick in den Motorraum, den Innenraum und auf die Vorderradaufhängung werfen. Ausdrücke wie „Och, wie SÜß!!“, „Na, DAS ist auch ne Lösungsmöglichkeit…“, „Sehr interessant!“ wechselten sich im Minutentakt ab. Ich möchte jedoch betonen, dass alle Anwesenden wohlwollend und mit einem Lächeln Sir Edward betrachteten. Es gab wirklich keine einzige abfällige Bemerkung. Herr Steinkemper (der Prüfer) ging sehr behutsam und dem Seltenheitswert angemessen mit Sir Edward um. Da hatte ich wesentlich schlimmeres befürchtet! Schön war auch sein etwas verzweifelter Blick, als er sagte: „Sagen Sie mal, auf die Hebebühne bekommen wir den ja nicht. Und die Grube geht ja auch nicht. Wie kann ich denn da mal drunter gucken?!“. Die Lösung bestand dann darin, dass ich rückwärts mit dem Vorderrad an die Kante der Grube gerollt bin. So konnte er (und jeder andere interessierte Ingenieur) doch noch einen Blick auf Sir Edwards hübsche Unterseite werfen. Natürlich musste ich einige konstruktive Besonderheiten erläutern und eifrig Fragen beantworten. Aber auch das alles fand in sehr angenehmem, fast kollegialem Rahmen statt. Abschließend wollte Herr Steinkemper noch eine Probefahrt machen, um die Bremsen zu testen (der Bremsenprüfstand fiel ja auch aus). Meinen Einwand, dass es nichts persönliches gegen ihn wäre, aber er mit seinen bestimmt 195cm und Schuhgröße 44+ einige Probleme bekommen würde, wies er lächelnd ab. Nur um Sekunden später festzustellen, dass der Fahrersitz schon ganz hinten war…. Es sah dann in etwa so aus, wie als as mal probegesessen hat. Nur halt mit nem Lenkrad zwischen den Knien. Es folgte dann auch ein Hilferuf an seinen Kollegen, dass dieser mal die Einstellung der Scheinwerfer überprüfen solle. Er käme nicht mehr aus dem Auto raus. Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Seine Kollegen übrigens auch nicht. Wie schon gesagt, war die Einstellung der Scheinwerfer in Ordnung und auch die Bremsen konnten ihn überzeugen. Er war insgesamt sehr angetan von Sir Edward, hatte technisch nichts auszusetzen und hätte ihm ohne zu zögern die Vollabnahme erteilt. Wäre da nicht der verflixte §59 StVZO gewesen……
1. Absatz II verlangt, dass die FIN vorne rechts am Rahmen eingeschlagen ist. Reliant hat zwar die FIN eingeschlagen, aber leider im Steinschlagbereich des Vorderrades (am Querrohr beim Getriebe). Dementsprechend findet sich kaum noch ein Reliant mit lesbarer FIN….
2. Absatz I verlangt, dass auf dem Typenschild Hersteller des Fahrzeugs; Fahrzeugtyp; Baujahr (nicht bei zulassungspflichtigen Fahrzeugen); Fahrzeug-Identifizierungsnummer; zulässiges Gesamtgewicht und zulässige Achslasten (nicht bei Krafträdern) angegeben sind. Das Reliant-Typenschild sieht im Original leider nur so aus:

Unter diesen Umständen konnte Herr Steinkemper Sir Edward nicht abnehmen. Ausnahmen sind nur für Fahrzeuge vor dem 1.10.1969 zulässig. Da waren ihm also die Hände gebunden. Da habe ich auch vollstes Verständnis für.
Dementsprechend wies der Prüfbericht auch „erhebliche Mängel“ aus:

Ich habe nun drei Monate Zeit, die Mängel zu beheben und wieder vorstellig zu werden.
Bedeutet also: Blanko-Typenschild besorgen und gravieren lassen, sowie Fahrgestellnummer einschlagen.
Herr Steinkemper meinte, dass wir die FIN auch gerne bei ihm vor Ort einschlagen könnten. Schlagzahlen hätten sie da und wir könnten dann einfach deren Grube benutzen.
Danach luden wir mit Hilfe eines Fahrlehrers und seiner Schüler Sir Edward wieder auf den Hänger und verbrachten ihn in die Tiefgarage. Dort luden wir ihn ab und verstauten ihn neben dem Bug.
Als wir wieder raus kamen, schrieb eine Politesse gerade das Kennzeichen des im Parkverbot stehenden Hängers auf… Der Charm meines Vaters konnte sie aber davon überzeugen, uns doch kein Knöllchen zu geben.
Sir Edward bleibt nun erstmal in der Tiefgarage, da ich es vor unserem Afrika-Trip wohl nicht mehr zum TÜV mit ihm schaffe.
Es bleibt also festzuhalten:
1. Die Obrigkeit war uns den ganzen Tag über sehr wohlgesonnen, nur wir selbst habens verbockt.
2. Beim TÜV arbeiten keine Unmenschen, sondern freundliche, entgegenkommende Leute mit Leidenschaft für interessante Technik.
3. Nie wieder Hänger solange das Fahrzeug noch fährt!
4. Irgendwas is immer.

Sobald ich Sir Edward zugelassen habe, gibts nochmal einen ausführlichen Bericht, zu all den technisch notwendigen Änderungen, sowie dem erforderlichen Papierkrams um einen Reliant Rialto in Deutschland zuzulassen.